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Bunkai und Oyo der ersten Bewegung der Heian Nidan

Einleitung

Alles begann damit, daß unser Trainer Franko Frach eines schönen Maienabends im Jahre des Herrn 2006 auf einen lustigen Gedanken kam und ihn nach ausführlichen Formentraining auch aussprach. „Ihr seid 5 Leute, das paßt wunderbar: Ihr habt 5 Minuten Zeit, dann zeigt Ihr mir die Heian Shodan mit Anwendungen.“ Der weitere Verlauf meiner Suche hatte seinen Katalysator in einem anderen Satz: “So Claudia, jetzt bist Du dran: Heian Nidan!“
Tja, alles war mir (mehr oder minder) klar, nur nicht was ich in der ersten Bewegung mit dem rechten Arm vor meinem Kopf mache und analog dann auch in der Bewegung „4“ mit dem linken Arm. Diese Bewegung kenne ich auch aus dem Tae Kwon Do, dort heißt sie: „Ssang Bakkat Palmok Makki“. Einen speziellen Namen im Karate habe ich hierfür noch nicht gefunden, aber „Morote - Haiwan – Uke“ scheint der passendste zu sein.

Foto: Bewegungen 1-3 in der Heian Nidan, gezeigt von Dieter


 

Zur Geschichte und so

 

Vorweg möchte ich gerne noch 2 beliebte Begriffe erklären:

 

Bunkai = Analyse, Demontage, Untersuchung
Ôyô      = Anwendung, praktischer Nutzen

 

Bunkai bedeutet also soviel wie die Aufschlüsselung einer Bewegung, z.B. ob sie „korrekt“ nach den Regeln des Shotokan-Karate ausgeführt wird. Während Ôyô danach fragt ob diese Bewegung auch etwas in der Selbstverteidigung/im Kampf ausrichten könnte.

 

Zu dem Thema Bukai dieser Bewegung, hat Hendrik Rubbeling eine hervorragende Arbeit unter  http://www.taekwondo-schwerte.de/03TSG-Schwarzgurte/KKuT15.htm veröffentlicht. Er stellt die These auf, daß es ursprünglich gar kein Doppelblock war sondern ein Block mit zeitgleichem Angriff, z.B. Kinnhaken. Herr Rubbeling stützt seine These auf eine Abbildung in „Karate Kata No Rekshi“ von Jamal Measara 2002, S.78 mit der Darstellung der ursprünglichen/alten und der modernen Form. Wichtig hierbei ist die Beachtung der geänderten Fuß-, Hüft-, Schulter- und Fauststellung. Die Armstellung als solche verändert sich eher folgend im Rahmen der geänderten Stellung. Das Ôyô diesere „urprünglicheren Form“ einfacher erscheint als bei der jetztigen Form.

 

Das Bild auf welches sich Herr Rubbeling bezieht bilde ich hier als Quelle ab, ebenso wie ein Bild von Gichin Funakoshi. (Hingegen werden, aus Copyrightgründen, alle sonstigen Bildhinweise lieber nachgestellt und auf den Zusammenhang extra hinweisen.)
Genug der Vorrede, hier nun das Bild aus Herrn Rubbelings Arbeit:

 


 

Hier ein Bild von Gichin Funakoshi (danke an Oliver Hofmann) im Verlauf der Heian Nidan (aus: „Gichin Funakoshi "To-Te Jitsu" zuerst erschienen 1922, Seiten 71ff):

 


Die Handhaltung und Fußstellung ist schon wie in der jetztigen Form, aber die Schulter ist noch weiter eingedreht und der Stand noch deutlich höher (die Schrittweite ist also eher in einer Art Zwischenweite).
Ob es also eine lineare Entwicklung oder eine weniger durchgehende von der "alten" zur "neuen" Form war kann spekuliert werden.

Hier eine - wie wir finden - effektive Anwendungsmöglichkeit: z.B. Angreifer greift mit links und Fauststoß in Kopfhöhe an und bekommt für diese unverschämte Dreistigkeit einen Faustrückenschlag auf die Nase. Das erklärt unserer Meinung nach besser die Ausholbewegung mit links als der von Hendrik Rubbeling vorgeschlagene Kinnhaken innerhalb seiner Arbeit (s.o.).

 

Foto: gezeigt von Dieter und Sabrina:


 

mögliche Anwendungen der jetzigen Form mit Kommentaren:

Da aber nach Bunkai/Ôyô nur der ersten Bewegung der Heian Nidan in der aktuellen Form gefragt wurde folgt hier nun eine einfache bebilderte Zusammenfassung der Möglichkeiten, die mit Hilfe von verschiedenen Menschen unterschiedlichster Graduierungen und aus unterschiedlichen Kampfarten entstanden ist.


* „2 Angreifervariante“

In dem Buch von Carl Wiedmeier „Karate * Die Welt des Taekwon-Do“ von 1966 S. 122. ist zB eine Möglichkeit abgebildet, in der sich um 2. Angreifer „gekümmert“ wird. Obwohl diese Möglichkeit eher uneffektiv erscheint, da hier die Angreifer brav warten müssen bis sie „fertig“ gemacht werden.

Eigentlich hatte ich ja vor hier die Unsinnigkeit der „2-Angreifer“-Möglichkeit mit Bildern zu belegen. Aber da hatte ich die Rechnung ohne meinen hartnäckigen Trainer gemacht, der beim Fotoshooting so lange probierte bis er es – auch im weiteren Kata-Verlauf - schlüssig hin kriegte. Respekt!

Fotos gezeigt von Karl-Heinz, Franko, Sabrina:


 

1 Angriff beide Male zum Kopf Angriff von vorn mit rechts, von der Seite mit links), Verteidigung: zeitgleicher Block
2 die Angreifer wechseln den Angriffsarm (wurden ja geblockt, „... dann nehme ich halt den anderen Arm ... “), Verteidigung: vorn mit Innenarmblock, seitlich mit offener Hand wegschubsen

(Moment: wo kommt denn in der Kata, die offene Hand her??? Hm, ... .)
3 die Ausholbewegung des Verteidigers zum Fauststoß mit links wird gleichzeitig zur Abwehr des seitlichen Angreifers
4 Stoß in den Solarplexus des vorderen Angreifers

Hier den schwierigen Teil der „Handarbeit“ noch mal näher in einem leicht veränderten Winkel:


 

 

* Variante 1 nach Fiore Tartaglia „Bunkai der Shotokan-Kata bis zum Schwarzgurt“ von 2003 S26+27:

 

Hier ist der rechte Arm eher nutzlos, er dient nur zum Ausholen (die eher „klassische“ Erklärungsvariante im Karate wie TKD).
Die Erklärung, daß der rechte Arm eine Ausholbewegung macht leuchtet im Zusammenhang der Kata nicht so ganz ein, da in der Kata im Kimae die Endbewegungen und nicht die Ausholbewegungen angespannt gezeigt werden, oder? Außerdem wäre es eine unergonomische Ausholbewegung: von weiter unten (als ausgerechnet von Kopfhöhe aus) wäre es schneller. Und eine Ausholbewegung ist eine Reaktion auf einen Angriff, erfolgt also nach diesem und wird normalerweise nicht vorweg genommen.

Fotos gezeigt von Franko und Sabrina


 

(Wieso der Verteidiger den Angreifer nicht schon bei der ersten Bewegung den Arm bricht, sondern seelenruhig wartet bis er sich aus dem Block windet und nochmal mit dem anderen Arm angreift erscheint doch etwas unergonomisch.)

 

 

 

* Variante 2 der ersten Bewegung der Heian Nidan nach Fiore Tartaglia „Bunkai der Shotokan-Kata bis zum Schwarzgurt“ von 2003 S26+27:

 

Hier wird als Angriff ein Kick zum Kopf gezeigt (Karate: Jôdan mawashi geri; TKD: Dollyo Chaggi). Neckische Idee, erklärt die Verteidigung aber wieder nicht, da nur vorne geblockt wird und der obere Arm mal wieder ausholt. Inwieweit ein so hoher Kick im Kampf sinnvoll ist und daher überhaupt vorkommt bleibt dagegen zumindest diskutierbar.
- Zumindest das mit der Kopfhöhe ist uns beim Kicken nicht so ganz gelungen. Sorry.

Fotos (Sabrina und Karl-Heinz):


 

* Eine Variante aus dem Internet (www.kampfkunstforum.de) von: „gatsby“
( http://www.kampfkunstforum.de/index.php?showtopic=20965&view=findpost&p=310938 )
Geschrieben am: Mittwoch, 24. Mai 2006, 21:15 Uhr

 
Hallo,

das bei uns im Dojo verbreiteste Anwendungsbeispiel ist folgendes: der Angreifer greift mit beiden Händen z.B. nach unserem Hals um uns zu würgen. Wir spreizen uns mit beiden Armen in diesen Angriff hinein (wobei in der Anwendung die Arme keinen so wunderbaren rechten Winkel bilden), drücken dem Angreifer quasi die Arme auseinander, wir greifen mit der Rechten seinen Hinterkopf und ziehen ihn in die Linke hinein, die wir ihm mit dem Handrücken auf der Nase platzieren (Alternative: wir kontern nach dem Doppelblock mit der Rechten zum Hals und mit der Linken auf die Nase oder Solar Plexus - finde ich als Konter aber eher zu schwach).

Gruß,
gatsby

Fotos (in einer eher frauenfreundlicheren und kraftsparenderen Variante zeigen das unser reaktionsschnelles Jungtalent Carina und Dieter):


 

 

* Variante nach Oliver Hofmann aus einem Buch von Ian Abernethy "Bunkai-Jutsu" von 2002, Seiten 66ff.
Veröffentlicht im Kampfkunstforum am: Donnerstag, 25. Mai 2006, 11:50 Uhr

 

Mit etwas Übung klappt folgende Anwendung sehr gut. Das Hochreißen der Arme könnte die natürliche Reaktion eines Menschen auf einen Angriff auf Kopfhöhe nutzen. Diese wäre ein hochreißen der Arme, jedoch hier gleichzeitig als Abwehr und Angriff gegen Gegners Gelenk genutzt. Es folgt ein Hebel, welcher den Gegner in eine günstige Position für den Seitwärtstritt bringt, welcher nach der zweiten Kombination folgt. Der Hebel ist leicht und unkompliziert aber sehr effektiv, selbst bei widerspenstigen Gegnern. Sollte der Hebel nicht funktionieren, da der Gegner sich doch herauswindet, hält die Kata mit dem direkten Faustschlag zum Kopf eine Ausweichreaktion parat (Tetsui-Uchi).

Durch leichtes Verlagern des Schwerpunktes nach vorn, unterläuft man den Schwinger.
Nach Schlag gegen das Ellenbogengelenk folgt direkt der Hebel. Ich bewege mich flüssig zur (ungefährlicheren) Rückenseite des Gegners.

Der Hebel kann bis zum Boden geführt werden und dort gehalten bleiben. Alternativ kann eben auch, wie in der Kata, der Beinbereich des Gegners mit einem Seitwärtsfußtritt angegriffen werden (dieser wird, vermutlich durch Wettkampfeinflüsse, im "modernen" Karate auf Kopfhöhe getreten).

Falls der Hebel doch vom Gegner erkannt werden sollte und früh genug Gegenmaßnahmen eingeleitet werden: Fauststoß auf Solarplexus

Fotos (Christian war hierbei so lieb den bösen Mann mit Metzgerhänden zu mimen, der Dieter angreift):


 

 

* Komplett andere Möglichkeit nach Ian Abernethy veröffentlicht auf dessen Homepage:
http://www.ianabernethy.com/articles/Pinan2.asp


(Relativ freie Übersetzung durch Claudia Dammeyer):
Angriff mit Umklammerung von Hinten.
Falls man gepennt hat und schon im Griff steckt: Ablenkung des Angreifers durch Kopfrückstoß, Stampftritt auf dessen Fuß oder nach hinten greifen und möglichst schmerzhaften Griff mit Drehung in´s Gemächt, dann die Daumen des Angreifers fassen und aufbiegen, um den Griff zu lockern.
Dann möglichst hartes „fertig machen“ des Angreifers nach Belieben, zB mittels (mehrerer) Ellenbogenstöße.:

Fotos (Christian und Dieter):


Bei dieser Variante ist es extrem wichtig wirklich die Daumen zu erwischen, sonst klappt das nicht.
Und um ehrlich zu sein für das 3. Bild hätte ich auch andere Fotos gehabt, die mehr in der Mitte positioniert wären, aber da wäre nicht so deutlich geworden wie weh diese Befreiung für den Angreifer tun kann.



* 1. Variante nach Hans Jürgen Sobota, veröffentlicht auf seiner Homepage:
http://www.taekwondo-schwerte.de/03TSG-Schwarzgurte/BAH04.htm

 
Der Gegner greift von links an, im hugul sogi links - chongkwon chungdan pandae chirugi

 

Ich blocke seinen rechten Fauststoß mit dem linken Arm meines Doppelarmblockes.hugul sogi rechts - ssang pakkat palmok makki

 

Nun greife ich mit der linken Hand blitzschnell sein linkes Revers, ziehe ihn heran also die geschlossene Hand vor die Brust, während meine rechte Handkante seine linke Halsschlagader trifft.
Stehen bleiben in hugul sogi rechts - sudo sangdan paro anuro taerigi

 

Dann rutscht mein linker Fuß vor und ich treffe ihn mit meiner linken Frontfaust im Bereich der Leber.
gojung sogi rechts - chongkwon chungdan pandae chirugi

 

Fotos: (Ronja und Carina)


 

 

* 2. Variante nach Hans Jürgen Sobota, veröffentlicht auf seiner Homepage:
http://www.taekwondo-schwerte.de/03TSG-Schwarzgurte/BAH04.htm

(Herr Sobota hat geschrieben, daß ich schreiben soll, daß er die Idee aus dem Karate hat. Habe ich jetzt gemacht.)

Der Gegner greift von links an, im chongul sogi rechts - chongkwon chungdan paro chirugi

 

Ich blocke seinen rechten Fauststoß mit dem linken Arm meines Doppelarmblockes. hugul sogi rechts - ssang pakkat palmok makki

 

Mein vormals linker Blockarm geht nach innen blockt und fixiert seinen linken Arm während gleichzeitig meine rechte Handkante seinen linken Ellenbogen zerschlägt.
Stehen bleiben in hugul sogi  rechts - sudo sangdan paro anuro taerigi

 

Dann rutscht mein linker Fuß vor und ich treffe ihn mit meiner linken Frontfaust im Bereich des Solarplexus.
gojung sogi rechts - chongkwon chungdan pandae chirugi

Fotos (Claudia und Dieter):


 

 

* Variante nach Claudia Dammeyer
(Wobei ich mir allerdings nicht ganz sicher bin ob das alles wirklich nur auf meinem Mist gewachsen ist, oder ob nicht doch noch etwas dunkel aus meiner TKD-Vergangenheit durchschimmert.) 

 

Angriff mit linkem Arm auf Kopfhöhe, Abwehr mit Hochblock des rechten Armes und gleichzeitig Greifen in den Kragen des Angreifers, dann diesem Heranziehen und die rechte Faust auf´s linke Trommelfell oder Schläfe ballern. Wenn weder Knalltrauma noch die mehr als saftige Ohrfeige den Angreifer niederbrettern mit der linken Hand loslassen, der Angreifer weicht zurück und ich gebe ihm ebenfalls wieder mit der Faust (diesmal links) einen auf die gleiche Stelle mit auf den Weg.

 

Überlegungen hierzu:
Warum der linke Arm vom „ursprünglichen Innenhandblock" (anatomisch: ulnarseitig) zum Block mit der “flachen Seite des Unterarmes“ (anatomisch: Radius und Ulna gemeinsam) geworden ist läßt sich durch das im Shotokan viel geliebte "Drehmoment" nicht erklären, das geht dabei nämlich völlig flöten. -> Es sei denn: es ist eben kein Block, sondern ein Griff.
Außerdem erscheint mir ein Block mit der „flachen“ Unterarmseite unstabiler zu sein als mit der Elle (Anatomisch Ulna) allein, aber ob das wirklich stimmt entgeht meinem Erfahrungshorizont.
Es könnte aber erklären weshalb zB. in der Won-Hyo-Hyong des TKD der vordere Arm einen Faustblock mit der „Außenhandseite“ ( anatomisch: ulnarseitig) macht. Vielleicht weil es dort wieder(?) ein Block ist?

Fotos(Claudia und Franko):


zur besseren Übersicht noch mal aus einer anderen Perspektive:


 

 

Ausblick

Tja, viele Möglichkeiten sind zusammengekommen.
Aber um herauszufinden inwieweit die wirklich „auf der Straße“ etwas taugen müßte wohl eine weitere Untersuchung gemacht werden.

Wir wünschen jedenfalls allen,die unsere „Sammlung“ lesen, viel Spaß nicht nur beim Lesen, sondern auch beim Nachmachen.

Franko Frach, Dieter, Claudia Dammeyer, Sabrina, Karl Heinz, Christian, Carina, Ronja
Karateabteilung des Budokan Maintal



(Zusammentragung und Fotobearbeitung durch Claudia Dammeyer)

©  C.E. Dammeyer

 

Stand: 23.07.2006 Top  -  Home  -  Impressum © copyright 2002 S.C. Budokan Maintal

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